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„Voll peinlich, ey!“– Datenschutz geht zur Schule

Gemobbt werden immer nur die anderen. Ich habe nichts zu verbergen. Bei Facebook treffe ich nur gute Freunde. Im Internet bewege ich mich in der Anonymität. – Wie falsch diese Einschätzungen sind und wie fatal ein allzu gutgläubiger und unbedachter Umgang mit den eigenen Daten im Internet sein kann, das führen Dr. André Hojka und Thomas Cedzich von der Vater Gruppe Kieler Schülern eindrucksvoll vor Augen. „Datenschutz geht zur Schule“ heißt die Aktion, mit der sie Schüler für einen vorsichtigeren Umgang mit ihren Daten im World Wide Web sensibilisieren wollen.

In einem 90 minütigen Vortrag, der angereichert ist mit zahlreichen witzigen, aber zugleich nachdenklich stimmenden Videos, zeigen sie, was es tatsächlich bedeutet, dass das Netz nicht vergisst und dass unbedacht eingestellte persönliche Informationen für jedermann leicht zugänglich sind. Daten sind eben nichts Abstraktes. Daten sind Fotos, auf denen man seine neueste Tätowierung präsentiert oder auf denen man betrunken mit der Barcardi-Flasche winkend in die Kamera lächelt. Daten sind Prahlereien oder Pöbeleien in Facebook. Daten sind vermeintlich lustige Youtube-Videos, in denen man sich als Freizeit-Comedian versucht. Daten sind Wünsche oder Meinungen, die man in Internet-Foren äußert. Und was man heute cool findet und unbedingt im Internet seinen Freunden zeigen will, das kann schon morgen peinlich sein. Allein: Es lässt sich nicht wirklich löschen, es vervielfältigt sich unkontrolliert und gerät schnell auch an die Leute, von denen man nun so ganz und gar nicht möchte, dass sie es sehen, geschweige denn weiter verwenden.
„Ihr lest ja bestimmt immer erst einmal die AGBs, bevor ihr das Kästchen anklickt, damit ihr euch bei Facebook oder StudiVZ anmelden könnt, oder?“, fragt Thomas Cedzich. Die Schüler der 10. Jahrgangsstufe der Käthe-Kollwitz-Schule quittieren diese Frage mit Lachen: Wer liest schon die AGBs? Und wozu? Hierfür liefert André Hojka die Antwort: Weil man mit der Anerkennung der AGBs der kommerziellen Nutzung persönlicher Daten zustimmt. Und was es heißt, wenn Firmen Benutzerprofile erstellen, indem sie Daten aus Facebook mit Daten einer Payback-Karte kombinieren, verdeutlichen Hojka und Cedzich mit einem Videoclip: Da ruft ein Mann bei einem Pizzaservice an und statt der gewünschten dick mit Salami und Käse belegten Pizza liefert man ihm schließlich eine fettreduzierte Gemüsepizza und bittet um Barzahlung, weil die Kreditkarte des Anrufers gesperrt ist. Guten Appetit!
Richtig unruhig wird es aber erst in den Stuhlreihen, wenn Hojka sagt „Ihr habt ja sicherlich nichts in Facebook stehen, was nicht jeder wissen soll!“ und sich dann ein Blatt Papier vornimmt, um zu erklären, er habe sich einfach mal bei Facebook als Freund eingeschlichen und die für seinen Geschmack peinlichsten und persönlichsten Facebook-Einträge von Schülern des 10. Jahrgangs der Käthe-Kollwitz-Schule herausgesucht. Jetzt schauen eben diese Schüler des 10. Jahrgangs der Käthe-Kollwitz-Schule betreten nach links und rechts und hoffen, dass nicht sie es sind, die Hojka gleich zitieren wird.
Im Rahmen des Projektes haben Hojka und Cedzich die Jahrgangsstufen 8 bis 12 der Kieler Käthe-Kollwitz-Schule für die Thematik Datenschutz sensibilisiert. Hier geht es von Cybermobbing über Cybersex, Chats und Portale bis hin zu Zocken im Internet. Mitgenommen haben sie alle etwas. So manch eine Schülerin und manch ein Schüler wollten sich nachmittags gleich an den Rechner setzen und Profile „säubern“ oder beispielsweise ihre Passwörter optimieren.
„Die Veranstaltungen zeigen uns ganz klar, wie unterschiedlich das Anwenderverhalten der einzelnen Jahrgangsstufen ist. Während die 8-Klässler sich im Internet noch vorwiegend in der Spieleszene tummeln, sind die älteren verstärkt in den sozialen Netzwerken unterwegs und auch schon in die eine oder andere Kostenfalle getappt. Was aber in allen Klassenstufen gleich ist“, lacht Thomas Cedzich, „ist bei der Themenwahl der Wunsch mit Cybersex zu beginnen.“
Eine Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen halten Hojka und Cedzich für absolut notwendig. Denn immer wieder stellen Sie fest, wie naiv und unbedacht mit dem Thema Datenschutz umgegangen wird.
Natürlich macht ein Vortrag von 90 Minuten aus einem Datenschutz-Muffel keinen Sicherheits-Freak. Aber er kann die Schüler dafür sensibilisieren, dass Datenschutz im Internet für jeden, der sich im Netz bewegt, ein Thema ist – ob er will oder nicht. Nur, wer sich vorher überlegt, wie er es schafft, dass er nur das von sich preisgibt, was er auch tatsächlich preisgeben will, kann verhindern, dass er schließlich dasteht und sagt: „Voll peinlich, ey!“

Die Initiative
Die Aktion „Datenschutz geht zur Schule“ (https://www.bvdnet.de/ak-schule.html) ist eine Initiative des BvD e.V. (Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands, https://www.bvdnet.de). Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Internet zu sensibilisieren.
Anhand auf die Schüler abgestimmte Themen wie Facebook, Video- und Musik-Portale, Chatrooms, Cybermobbing und vieles mehr, werden den Kindern und Jugendlichen Risiken, aber auch der sichere Umgang und Möglichkeiten mit den Medien aufgezeigt.

Dr. André Hojka und Thomas Cedzich:
Verantwortung tragen!

„Ich werde bald selbst Vater“, so Thomas Cedzich, „und finde es erschreckend, dass die jungen Erwachsenen so wenig über die Gefahren des Internets wissen, obwohl ihnen die Vorzüge in einem riesigen Umfang bekannt sind.
Auf ihrem Weg, so viele Videos, Musikstücke usw., schnellst möglich zu konsumieren, tappen sie mit ihrer altersbedingten Naivität in viele kleine Fallen, die ihnen vielleicht irgendwann im späteren Lebens ein Stein im Weg sein werden oder die sogar ihr Leben bedrohen (Cyberfreunde).
Wir tragen eine soziale Verantwortung, die wir bereits für die Jüngsten in unserer Gesellschaft übernehmen müssen. Aufklärung zu diesem Thema muss in der Schule beginnen. Aus diesem Grund möchte ich versuchen, die Kinder zu erreichen und wenn ich nur eins dazu bewegen kann, sein Internetverhalten zu überdenken, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Zudem stelle ich bei unseren Veranstaltungen fest, dass die Kinder in der PC-Welt zu über 90% auf sich alleine gestellt sind. Eine Kontrolle durch Eltern findet nahezu überhaupt nicht statt. Dieses mangelnde Interesse der Erwachsenen für ihre Kinder finde ich sehr schade und erschreckend.“
„Schöne Momente aber sind die“, schließt sich Dr. André Hojka an, „wo gemeinsam oder von Anderen gelernt wird und der von uns vermittelte Stoff positive Wirkung erzielt - direkt oder im Nachgang. Diese Momente haben Thomas und ich bisher immer herbeiführen können und deshalb freuen wir uns schon auf die nächsten Veranstaltungen“.